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Kaffeesatzmetaphorik ☕

11699

11699

Iteration 11699. Neues Leben, neuer Tag – denn in jedem Augenblick liegt die Reinkarnation eines Selbst, das sich selbst zu fassen nicht in der Lage ist. Mein Blick wandert zur Uhr: Es ist kurz nach 5. Draußen ist es noch dunkel, erste Vögel beginnen mit ihrem Gesang.

Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Dämmerzustände, nicht ganz hier und doch nicht fort, gleichwohl aber gestrandet an Ufern, auf die ich mir keinen Reim machen kann. Existentielle Fragestellungen drängen sich auf, die, so eloquent sie auch formuliert sein mögen, zu wenig Raum für Antworten lassen. Sie entziehen sich jedweder Annäherung. Wie ein fernöstliches Koan, zu dem die Gedankenwelt des Westens keinen Zugang findet. Zugang – ja, so wie ich zugehen möchte auf die Gedanken, auf die Fragen und auf die Antworten, die es nicht gibt, weil es die Fragen nicht gibt, weil es vielleicht gar nichts gibt, eine einzige große Vanitas, in der die gesamte Schönheit und Komplexität und das Unverständnis der Welt sich fröhlich-frei flottierend sammelt und spiegelt.

Weil sie sich nicht darum schert. Weil sie sich um überhaupt nichts schert, weil sie einfach ist, einfach da ist, immer da war und immer da sein wird, gleichgültig gegenüber all unserer Abstraktionen und Annäherungen, die niemals den Kern der Dinge treffen können, weil sie von uns Menschen kommen. Weil sie von mir kommen.

Es ist bereits alles da. Es muss nichts ergründet werden, es braucht keine Offenbarung, keinen glorifizierten Aha-Moment. Rational ist mir dieser Umstand bewusst und genau darin liegt das Problem. Er ist mir bewusst, doch ich fühle ihn nicht. Kann ihn nicht fühlen, weil dieser Kopf bereits zu stark kompromittiert wurde. 11699 Iterationen, wie in einer schlechten Software, von mir selbst programmiert.

Die Ironie kommt nicht von ungefähr, bemerkt der Alte, der plötzlich neben mir steht. Er sieht mich gütig an, den Kopf leicht geneigt. In seinen Augen spiegeln sich Universen, die im beständigen Wandel sind. Sie entstehen und zerfallen, bilden sich neu, explodierende Sterne und Staub, plötzlich nur noch Staub, mit dem alles beginnt und alles endet, um anschließend wieder von vorne zu beginnen.

Das Leben verläuft nicht linear, sondern spiralförmig.

Was der Alte von mir wolle, frage ich ihn. Koexistieren, lautet seine schlichte Antwort. Ich sehe, wie eine weitere Galaxie stirbt und eine neue geboren wird. Wir verlieren uns in der Betrachtung unserer Existenzen, einer Existenz, die sich gegenseitig bedingt, weil sie voneinander abhängig ist, genauso wie die Figur nicht ohne den Raum und der Raum nicht ohne die Figur von Bestand sein kann. Unwillkürlich strecke ich meine Hand aus, suche die seine und ergreife sie. Ich spüre nichts.

Da bin nur ich selbst. Einem Impuls folgend, haste ich zum Spiegel und blicke mir in die Augen. Meine Pupillen sind spiralförmig, in ihnen Universen, die entstehen und zerfallen. Ich bin der Alte. Der Alte bin ich. Ich bin das Universum, die Sterne, die explodieren und der Staub, der am Ende übrig bleibt. Es ist kein konkretes Gefühl, nicht einmal eine vage Ahnung. Es ist eher die Erinnerung einer Erinnerung einer Erinnerung, fremd und doch vertraut. Ich wage nicht, sie näher einzuordnen. Stattdessen wandert mein Blick wieder zur Uhr.

Die Zeiger laufen rückwärts, die Zahlen sind durcheinander. Konstrukte, Abstraktionen, menschengemachte Systeme zur Klassifizierung einer Welt, die sich – in ihrer natürlichen Absolutheit – einer Zerlegbarkeit verweigert. Ich bin immer noch hier. Ich werde immer noch hier sein.

Iteration 11700. Neues Leben, neuer Tag.

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