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Kaffeesatzmetaphorik ☕

Unabstrakt

Unabstrakt

Abstrakte Räume mit abstrakten Türen, die zu abstrakten Landschaften führen. Spiegel meiner selbst, Splitter meiner Wahrnehmung. Die Bilder sind Zweck und Sinnbild zugleich: Erkenntnisgewinn, der sich nicht einstellt; Stillstand, der vermieden werden möchte und doch beibehalten wird. In der Abstraktion liegt die vage Sicherheit.

Alles bleibt so, wie es ist. Oder nicht?

Ich öffne eine andere Tür und sehe gescheiterte Träume und Hoffnungen. Zu dystopisch, zu hoffnungslos das Bild. Ich ertrage es nicht und schlage die Tür wieder zu. Habe ich mich über all die Jahre eingemauert mit Türen, die dasselbe in Variationen zeigen?

Ich halte inne. Hole tief Luft. Alle Türen sind jetzt geschlossen und es bleibt nur der abstrakte Raum mit mir als abstrakter Persönlichkeit in dieser Abstraktion gefangen. Gefangen, doch nicht wirklich gefangen: Mein Blick fällt auf ein Fenster in der hintersten Ecke des Raumes. Die Scheiben sind ganz schwarz gefärbt, offenbar wurde lange nicht mehr aus diesem Fenster heraus gesehen. Oder hinein?

Ich frage mich, ob das Fenster schon immer da war. Es muss immer da gewesen sein, sonst wären die Scheiben nicht in diesem Zustand. Vielleicht war es für andere schon immer da, nur nicht für mich selbst. Ich schenke den Türen keine Beachtung mehr und nähere mich dem Fenster.

"Verdichtung, Verdichtung" schießt es mir durch den Kopf, der mit jedem Schritt damit beschäftigt ist, neue Verse zu denken. Neue Ausdrücke von Abstraktionen, die sich nie ganz greifen lassen und doch nachhallen. Es ist eine Kunst, und was für eine: Sie wurde über Jahrzehnte kultiviert! Sie bietet Schutz und genau darin liegt die Gefahr.

Jeder Raum, der zu lange zu abstrakt kultiviert wird, verkommt zu einem Gefängnis und steht in der Zeit still.

Zeitstillstand. Körner im Sand.

Das Fenster sehe ich jetzt ganz deutlich vor mir. Ich versuche wieder, etwas hinter der Scheibe zu erkennen, doch es ist nicht möglich. Nicht, bis ich eine Entscheidung getroffen habe. Eine Handlung, etwas Konkretes, das Bestand hat. Etwas, das den Zeitstillstand aufhebt und die Sandkörner wieder durch das Stundenglas rieseln lässt. Zögerlich strecke ich eine Hand nach dem Fenster aus.

Sollte ich? Darf ich überhaupt?

Die Scheibe ist nach wie vor schwarz und trotzdem spiegelt sich mein eigenes, unschlüssiges Gesicht in der Scheibe. Es wirkt seltsam verzerrt. Ist jede Entscheidung nicht auch ein Kampf gegen sich selbst, statt nur gegen die Abstraktion?

Ent-Scheidung. Ich scheide von den Traumlandschaften, den Sehnsüchten, den vagen Hoffnungen und entscheide mich für die fremde Konkretheit. Der Griff am Fenster fühlt sich sehr kalt an. Schließlich drehe ich ihn und öffne das Fenster. Ich staune nicht schlecht:

Es ist ein Spiegel.

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